Forschung

Rehe fressen Rosen, Füchse knabbern Grabkerzen: Österreichs Naturschützer berichten, wie Wildtiere Friedhöfe erobern, und bitten um Fotos

Am 31. Oktober, einen Tag vor Allerheiligen, an dem in Österreich und vielen Ländern Europas die Gräber besucht werden, berichtete der österreichische Naturschutzbund, wie sich Wildtiere an das Leben auf Friedhöfen anpassen. Rehe haben eine Vorliebe für Rosenknospen entwickelt, Füchse knabbern immer häufiger Grabkerzen an, und Vögel tragen Bänder von Kränzen in ihre Nester. Wir erklären, warum Friedhöfe zum Refugium für Tiere wurden, was an Plastikschmuck und Kerzen gefährlich ist und wie Sie sich verhalten, wenn Sie zwischen den Gräbern einem Wildtier begegnen.

8 Min. Lesezeit
Reh am Waldrand
Foto: Freepik
Inhalt des Artikels
  1. Was die Naturschützer berichten
  2. Warum Friedhöfe zum Refugium wurden
  3. Rehe und Rosen
  4. Warum Rehe auf dem Friedhof keine Angst vor Menschen haben
  5. Füchse und Kerzen
  6. Vögel und Bänder
  7. Fledermäuse in Grüften
  8. Füchse und Dachse nahe beim Menschen: was Hundehalter wissen sollten
  9. Igel bereiten sich auf den Winterschlaf vor
  10. Hamster und Insekten
  11. Wie Sie ein Grab tierfreundlich gestalten
  12. Forschung mit Hilfe der Bevölkerung
  13. Wie Sie der Forschung mit Ihrem Foto helfen
  14. Wozu Städte solche Naturinseln brauchen
  15. Katzen auf Friedhöfen
  16. Hunde auf Friedhöfen
  17. Warum Kerzen und Schmuck für Heimtiere gefährlich sind
  18. Wenn Sie auf dem Friedhof einem Wildtier begegnen
  19. Was das für Europa bedeutet
  20. Wann Sie in die Tierarztpraxis gehen sollten

Was die Naturschützer berichten

Am 31. Oktober 2026 berichtete die Wissenschaftsredaktion des österreichischen Rundfunks ORF über Beobachtungen des österreichischen Naturschutzbundes. Nach Daten aus Citizen Science, also Fotos und Meldungen aus der Bevölkerung, passen sich Wildtiere immer besser an das Leben auf Friedhöfen an. Besonders wichtig werden Friedhöfe als Lebensraum in Großstädten und Ballungsräumen.

Der Bericht erschien am Vortag von Allerheiligen, dem 1. November, an dem in Österreich wie in vielen Ländern Europas viele Menschen die Gräber besuchen, Kerzen aufstellen und Grabsteine schmücken.

Die wichtigsten ZahlenWer auf Friedhöfen lebt
1. Nov.AllerheiligenHöhepunkt der Friedhofsbesuche in Österreich
5Gruppen wilder SäugetiereRehe, Dachse, Füchse, Hamster, Fledermäuse
0Pestizide und Torfwichtigster Rat zur Grabpflege
2Organisationen sammeln TierfotosNaturschutzbund und BOKU

ORF, Naturschutzbund; 31. Oktober 2026

Warum Friedhöfe zum Refugium wurden

Friedhöfe sind oft die einzigen ruhigen Orte in Städten und Siedlungen. Dort stehen alte Bäume, und offene Flächen, Dickichte und Blumen wechseln sich ab.

Auf Friedhöfen gibt es ein mosaikartiges Wechselspiel aus offenen, bewaldeten und Blühflächen.

Lucas Ende, Artenschutzkoordinator des Naturschutzbundes

Das ermöglicht laut Ende auf kleinem Raum eine große Vielfalt an Lebensräumen: Rehe, Dachse, Füchse, Feldhamster und Fledermäuse finden auf Friedhöfen Bedingungen, die in Städten selten geworden sind.

Rehe und Rosen

Rehe, die auf Friedhöfen leben, haben laut Ende eine große Vorliebe für Rosenknospen entwickelt: Die Tiere suchen möglichst hochwertige Nahrung, und Rosen sind für sie offenbar ein Schmankerl. Wer die Blumen auf einem Grab schützen will, dem rät Ende, Küchenkräuter wie Salbei daneben zu pflanzen, die Rehen nicht schmecken.

Warum Rehe auf dem Friedhof keine Angst vor Menschen haben

Auf Friedhöfen wird nicht gejagt, Hunde sind meist angeleint, und die Besucher verhalten sich ruhig. Die Tiere lernen schnell, dass ihnen hier nichts droht, und flüchten nicht mehr vor Menschen. Deshalb können Rehe tagsüber ruhig zwischen den Gräbern äsen und Füchse in der Dämmerung herauskommen. Das heißt nicht, dass man sie füttern oder anfassen darf: Angefütterte Tiere verlieren ihre Scheu und geraten öfter auf benachbarten Straßen unter Autos.

Füchse und Kerzen

Füchse knabbern Berichten zufolge immer häufiger Grabkerzen an. Die darin enthaltenen Öle und Fette dienen ihnen als Energieträger für den Aufbau des Winterspecks, erklärt Ende. Für einen Fuchs ist das eine ungewöhnliche, aber nachvollziehbare Strategie: Vor dem Winter versuchen Raubtiere, möglichst viele Kalorien zu sich zu nehmen.

Vögel und Bänder

Vögel wiederum haben eine Vorliebe für Bänder und anderen weichen Grabschmuck entwickelt und tragen ihn immer öfter in ihre Nester. Ende appelliert, beim Grabschmuck möglichst auf Plastik zu verzichten. Plastikbänder und Fäden sind für Vögel gefährlich: Küken können sich darin verheddern, und Plastik verrottet nicht und bleibt jahrelang in der Natur.

Fledermäuse in Grüften

Fledermäusen helfen auf Friedhöfen nicht nur alte Bäume, sondern auch alte Familiengrüfte und kleine Mausoleen. Vor allem als Winterquartiere sind sie wichtig.

Für Fledermäuse ist es wichtig, im Winter frostfreie Quartiere zu haben, die eine hohe Luftfeuchtigkeit aufweisen und wo sie ungestört sind.

Lucas Ende, Naturschutzbund

Deshalb sollte man bei der Sanierung alter Grüfte an überwinternde Tiere denken und nicht alle Spalten und Öffnungen verschließen.

Füchse und Dachse nahe beim Menschen: was Hundehalter wissen sollten

Stadtfüchse und Dachse meiden Menschen meist, aber Hunde haben Grund, Abstand zu halten. Füchse können an Räude erkranken, die bei engem Kontakt oder über Liegeplätze des Fuchses auf Hunde übergeht. In Österreich und anderen Ländern Mitteleuropas tragen Füchse außerdem den Fuchsbandwurm, der für Menschen gefährlich ist. Ein Hund kann sich anstecken, wenn er eine Maus oder Wühlmaus fängt und frisst. Lassen Sie Ihren Hund deshalb nicht in Bauen wühlen und kein Aas und keine Nager fressen, und besprechen Sie regelmäßige Entwurmungen mit Ihrer Tierarztpraxis.

Igel bereiten sich auf den Winterschlaf vor

Anfang November können Sie auf Friedhöfen, in Parks und Gärten Igeln begegnen, die ein Winterquartier suchen. Igel bauen ihre Nester in Laubhaufen, unter Büschen und in Hecken, deshalb sollten Sie im Herbst nicht das ganze Laub entfernen und Asthaufen nicht verbrennen, ohne sie zu prüfen. Sehen Sie einen Igel tagsüber, besonders einen kleinen und mageren, kann er geschwächt sein. Wenden Sie sich dann an eine örtliche Wildtierhilfe.

Hamster und Insekten

Auf Friedhöfen finden auch Feldhamster ruhige Orte, die in Europa vom Aussterben bedroht sind. Für viele Wildbienen und Hummeln sind offene Bodenstellen zwischen dem Gras wichtig: Dort bauen die Insekten ihre Erdnester. Und die Insekten wiederum ernähren Vögel, Fledermäuse und andere Wirbeltiere.

Wie Sie ein Grab tierfreundlich gestalten

Der Naturschutzbund rät, Gräber möglichst naturnah zu gestalten und heimische Pflanzen zu wählen:

  • an trockenen Standorten Heidekraut, Lavendel, Rosmarin und Thymian, deren Blüten Insekten ernähren;
  • an feuchteren Standorten Immergrün und Pfennigkraut, die leicht zu pflegen sind;
  • ohne Pestizide, die mehr Organismen töten, als sie sollen;
  • ohne torfhaltige Erde, deren Abbau Moore zerstört;
  • ohne Plastik, denn Bänder, Kunstblumen und Verpackungen tragen Vögel in ihre Nester.

Forschung mit Hilfe der Bevölkerung

Gleich mehrere Forschungsprojekte untersuchen die Biodiversität auf Friedhöfen. Der Naturschutzbund und die Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) bitten um Fotos von Tieren, die auf Friedhöfen beobachtet wurden. Laut Ende helfen diese Daten zu verstehen, wer dort lebt und was schützenswert ist. Er schlägt vor, besonders artenreiche Friedhöfe als Schutzgebiete auszuweisen.

Wie Sie der Forschung mit Ihrem Foto helfen

Damit ein Foto den Forschenden nutzt, muss das Tier gut zu sehen sein, und wichtig sind Datum, Ort und möglichst die Uhrzeit. Fotografieren Sie aus der Entfernung, gehen Sie nicht an das Tier heran und locken Sie es nicht mit Futter an. Wenn Sie nicht wissen, welches Tier es ist, macht das nichts: Fachleute bestimmen die Art anhand des Fotos. Besonders wertvoll sind Aufnahmen seltener Arten wie Hamster und von Tierspuren, also Bauen, Fraßspuren und Kot.

Wozu Städte solche Naturinseln brauchen

Städte wachsen, und Flächen, auf denen Tiere ruhig leben können, werden immer weniger. Friedhöfe, alte Parks und Gärten wirken wie Inseln und Brücken dazwischen: Über sie bewegen sich Tiere durch die Stadt und finden Futter und Verstecke. Je mehr solcher Orte eine Stadt hat, desto stabiler ist die Stadtnatur und desto mehr Vögel, Igel, Fledermäuse und bestäubende Insekten gibt es darin.

Katzen auf Friedhöfen

Friedhöfe locken auch Freigängerkatzen an. Für Vögel, die in alten Bäumen und Büschen nisten, und für kleine Säugetiere sind Katzen ernste Jäger. Ist Ihre Katze Freigänger, sollten Sie sie besonders im Frühjahr zur Brutzeit morgens und abends, wenn Vögel am aktivsten sind, im Haus behalten und unbedingt kastrieren lassen, damit die Zahl der Streunerkatzen nicht wächst.

Hunde auf Friedhöfen

In vielen Städten dürfen Sie angeleinte Hunde auf den Friedhof mitnehmen, aber die Regeln sind verschieden, klären Sie sie also vorher. Für einen Hund ist der Friedhof an Feiertagen voller Versuchungen: brennende Kerzen, Blumen, auf Gräbern gelassene Speisen und Spuren von Wildtieren. Führen Sie Ihren Hund an kurzer Leine, lassen Sie ihn nicht an Kerzen und Schmuck knabbern und halten Sie ihn von Bauen und Verstecken der Wildtiere fern.

Warum Kerzen und Schmuck für Heimtiere gefährlich sind

Wachs und Paraffin können beim Hund Erbrechen und Verdauungsstörungen auslösen, wenn er sie schluckt, und Metall- und Plastikteile von Grablichtern und Deckeln können Verletzungen und einen Darmverschluss verursachen. Eine brennende Kerze kann Schnurrhaare, Fell und Pfoten verbrennen, besonders bei neugierigen Welpen und Katzen. Manche Pflanzen, die oft auf Gräbern wachsen, sind für Tiere giftig, zum Beispiel die Eibe und einige Zwiebelblumen.

Wenn Sie auf dem Friedhof einem Wildtier begegnen

  1. Beobachten Sie aus der Ferne und versuchen Sie nicht, sich dem Tier zu nähern oder es zu füttern.
  2. Nehmen Sie Ihren Hund an die Leine und führen Sie ihn weg.
  3. Fassen Sie keine Jungtiere an: Die Mutter ist meist in der Nähe.
  4. Stören Sie keine Fledermäuse in Grüften und Spalten, besonders im Winter.
  5. Melden Sie ein verletztes Tier einer örtlichen Wildtierhilfe.

Was das für Europa bedeutet

In Österreich, Deutschland, Polen, Tschechien und vielen anderen Ländern besuchen Anfang November Millionen Menschen die Friedhöfe. Die Erfahrung der österreichischen Naturschützer zeigt, dass Friedhöfe nicht nur Orte des Gedenkens, sondern auch wichtige Naturinseln in Städten sind. Kleine Änderungen, also weniger Plastik und Pestizide, mehr heimische Pflanzen und ein behutsamer Umgang mit alten Grüften, helfen, diese Tiere in unserer Nähe zu erhalten.

Wann Sie in die Tierarztpraxis gehen sollten

Hat Ihr Hund eine Kerze, ein Grablicht, Plastikschmuck oder eine Pflanze vom Grab gefressen und treten Erbrechen, Durchfall, Mattigkeit oder Bauchschmerzen auf, gehen Sie in die Tierarztpraxis. Fahren Sie sofort in die Klinik, wenn Ihr Hund einen Metalldeckel, Glas oder die Batterie einer elektrischen Kerze verschluckt hat: Solche Gegenstände sind auch ohne erste Symptome gefährlich.

Quellen

  1. ORF, science.ORF.at, 31. Oktober 2026